Transformation

Sozial-ökologische Wende: Was wir von Costa Rica lernen können

Felix Wagner05. Oktober 2023
Der sozial-ökologische Wandel stellt unsere Gesellschaft vor große Herausforderungen. Bei manchen ruft er auch Ängste hervor. Wie die Transformation zum Wohle aller gelingen kann und was es dafür braucht, zeigt das Beispiel Costa Rica. 

Costa Rica ist weltweit ein Vorbild für umfassenden Klima- und Naturschutz. Das gilt auch für den Tourismus im Land. Vor Ort zeigt sich, warum: Hier sind für Menschen Perspektiven geschaffen worden, um Regenwald unter Naturschutz zu stellen, Landwirtschaft ökologisch zu gestalten und dabei Urwälder wieder aufzuforsten. Für das Gelingen der sozial-ökologischen Transformation können wir davon viel lernen.

Weg vom Fortschritt zu Lasten des Weltklimas

Fangen wir beim Regenwald an: Dort, wo die Karibikküste direkt in Regenwald übergeht, entstanden ab den 1930er Jahren Küstendörfer. Das heute größte und bekannteste heißt Tortuguero, „Ort der Schildkröten“. Die Menschen nutzten früher die angrenzenden Urwaldflüsse, bauten sie zu einem künstlichen Kanalnetz aus. Damit jagten sie Wildtiere und rodeten den Urwald. Das Holz und ihre Urwalddelikatessen exportierten sie in die ganze Welt. Für die Menschen eine gute wirtschaftliche Perspektive, das Geschäft und die Dörfer wuchsen. Sie konnten sich nicht nur selbst versorgen, sondern ihren Familien auch ein immer besseres Leben ermöglichen. Umkehrt entstand aber eine zunehmende Belastung für Natur, Wildtiere, das ganze Ökosystem – und damit eine Klimagefahr. Resultierend daraus, dass Menschen ihre Existenzgrundlage verbesserten. Eine gefährliche, uns bekannte Mischung!

Ein Beispiel, das im Kleinen verdeutlicht, wie der Klimawandel im Großen befeuert worden ist, vor allem in Europa und Nordamerika: Im Prozess der Industrialisierung haben sich hunderte Millionen Menschen aus der Armut gearbeitet, indem sie sich ihren Anteil am selbst erwirtschaften Wohlstand gemeinsam erkämpft haben. Dadurch, dass sie sich in Gewerkschaften zusammenschlossen, demokratische Grundwerte erkämpften sowie starke sozialdemokratische Parteien und Sozialsysteme aufgebaut haben. Die Kehrseite dieser Entwicklung war aber kapitalistisches Wachstum: Immer neue, auch globale soziale Gegensätze sind erzeugt worden. Und der Klimawandel wurde immer weiter befeuert. Deshalb müssen wir heute alles für eine demokratische, sozial-ökologische Wende tun. Viele Ansätze gibt es, aber wo anfangen?

Ökologischer Wandel gelingt, wenn er für die Menschen attraktiv ist

Vielleicht bei der Perspektive der Menschen und ihrer Motivation, den Wandel zu gestalten – so wie es im Urwald-Küstendorf Tortuguero schon gelungen ist: Andrws, 27 Jahre alt, ist heute Guide für Tourist*innen, vermittelt Unterkünfte und Aktivitäten im Dorf und gibt auf Kanutouren tiefe Einblicke in die Artenvielfalt Costa Ricas. Er ist leidenschaftlicher Naturschützer. „Aber sowohl mein Vater wie mein Großvater waren Jäger im Dschungel“, erzählt er. Damals war der Regenwald rundum vollständig abgeholzt, heute steht er wieder. Wie war dieser ökologische Wandel möglich? Warum kann Andrws heute nicht zu Lasten, sondern zum Wohle des Urwalds seine kleine Familie ernähren? 

Die Antwort liegt in einem Erfolgsmodell: dem Gelingen der sozial-ökologischen Transformation in Costa Rica. Aufklärung, klare politische Entscheidungen und attraktive Ziele bildeten dafür die Basis. Es war der Naturschützer und Zoologie-Professor Archie Carrs, der die Menschen vor Ort von der Schutzbedürftigkeit des „Amazonas von Costa Rica“ überzeugte. Also davon, dass die einmalige Artenvielfalt und Schönheit der Natur zum Wohle der Menschheit bewahrt werden muss. 1975 schuf die Regierung den Nationalpark Tortuguero. Damit verloren die örtlichen Familien ihre bisherige wirtschaftliche Existenz, denn auf Wilderei und Rodungen standen jetzt hohe Strafen. Aber nicht nur die Regierung unterstützte die Menschen finanziell bei der Wiederaufforstung. Auch der Öko-Tourismus versprach blühende Perspektiven. Und der Plan ging auf. Andrws Familie lebt heute gut von ihrem Wissen über die lokalen Schätze der Natur. Der Regenwald ist wieder aufgeblüht – auch als immer weiter anwachsender CO2-Speicher.

Landwirtschaft eingebettet in Klimaschutz und Tourismus

Ein anderes Beispiel für das Gelingen der sozial-ökologischen Wende ist die „Farm der Freundschaft“, eine Finca la Amistad. 1997 kaufte die Schweizer Familie Brugger am Fuße des Vulkans Tenorio eine 95 Hekar große Farm – das entspricht gut 100 Fußballfeldern. Sie wollten eine nachhaltige Kakao-Plantage errichten, fanden aber typisches Farmland vor. Durch jahrzehntelange, einseitige Viehwirtschaft auf dem abgeholzten Regenwaldboden hatte dieser stark gelitten. Familie Brugger machte sich also daran, das Land neu zu bepflanzen. Teils durch Wiederaufforstung des Regenwalds (bisher 10 Hektar) und den Schutz verwilderter Gebiete (ca. 30 Hektar). Und im Kern durch die nachhaltige Kultivierung von Kakaobäumen aus insgesamt 40 Sorten (ca. 60 Hektar). Diese wurden aber nicht isoliert angepflanzt, sondern durchmischt. Immer zusammen mit anderen Bäumen, die den Kakaobäumen Schutz vor Wind und Wetter spenden. Ein Konzept, das sicherstellen soll, dass es prächtige Kakaobäume in 30 Jahren überhaupt noch gibt. Denn der menschengemachte Klimawandel bedroht ihre Existenz.

Der Erfolg auf der Finca kann sich sehen lassen: Heute ist sie eine der größten und nachhaltigsten Kakaoplantagen Costa Ricas. Neben dem Eigenanbau bildet die Farm das Zentrum eines nachhaltigen Leitmarkts: 40 umliegende Höfe können ihren Kakao hier zu fairen Bedingungen verkaufen. Sie haben damit eine gute Alternative zur CO2-intensiven Viehwirtschaft. Darüber hinaus hat die Farm ihr Geschäftsfeld erweitert. Neben dem Export der Kakaobohnen nach Europa produziert sie vor Ort Schokoladenspezialitäten für den Direktverkauf. Und hier kommt der sanfte, integrierte Tourismus ins Spiel: Für etwa 20 Gäste bietet die Farm Unterkünfte in Holzblockhütten und ein kleines Restaurant mit lokaler Küche (auch in Vollpension). Bei Kakaowanderungen und Workshops können sich die Gäste direkt selbst ein Bild machen. Mit diesem Gesamtkonzept sichert der Hof direkt rund 20 gute Arbeitsplätze. Also berufliche Perspektiven vor Ort, für die manche Familie aus der Nachbarschaft sogar wieder zurückgekommen sind aus der Hauptstadt San José.

Die sozial-ökologische Transformation als Summe vieler Teilprojekte

Was lässt sich vom Nachhaltigkeits-Vorreiter Costa Rica lernen, was zeigen die Beispiele? In der Tourismus-Branche Costa Ricas finden wir etwas, was bei uns für Industrie-, Gebäude- und Verkehrssektor gilt: Die sozial-ökologische Transformation darf nicht als eine riesige Monstranz verstanden werden. Denn sie kann nur als Summe vieler Teilprojekte gelingen. Und erfolgreich können die Projekte immer dann sein, wenn sie allen Beteiligten eine gute Zukunft ermöglichen. Den Wandel von Regenwald-Rodung und Wildjagd zu Naturschutz und Öko-Tourismus hat Andrws Familie, hat das gesamte Dorf Tortuguero nur mitgemacht, weil allen sichere Übergänge und klare Perspektiven geboten wurden. Und mit nachhaltiger Landwirtschaft sind neue Arbeitsplätze entstanden.

Was heißt das für uns? Die Interessen der Menschen sind der Dreh- und Angelpunkt für eine gelingende sozial-ökologische Wende. Wir können es nur schaffen, wenn wir allen endlich aufzeigen: Es geht um unsere gemeinsame Zukunft! Für den großen Umbau werdet Ihr mehr denn je gebraucht. Dafür liegt es an den Betrieben und Ämtern, schnell plausible Planungen für den Wandel vorzulegen. Die Politik ist auf allen Ebenen gefordert, dafür die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen. Massive Zukunftsinvestitionen und eine faire Verteilung der gesellschaftlichen Kosten müssen dabei im Zentrum stehen.

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zic Bon