Filmtipp

„Total Trust“: Wie Menschen in China der Überwachung trotzen

06. Oktober 2023
Zerrissene Familie: Zijuan Chen und ihr Sohn kämpfen um die Freilassung des Menschenrechtsanwalts Weiping Chang.
China gilt als das am besten überwachte Land der Welt. Doch manche Gegner*innen des Regimes lassen sich davon nicht beirren. Der Dokumentarfilm „Total Trust“ bietet bedrückende, aber auch hoffnungsvolle Einblicke in den Alltag in der Diktatur.

Mit breitem Lächeln präsentiert die Frau eines der wirksamsten Instrumente, mit denen Chinas Regime die Bevölkerung kontrolliert. Auf dem Smartphone der Mitarbeiterin eines Gemeindekomitees erscheinen farbige Punkte. Sie gehören zu einem appgesteuerten Ratingsystem. In China nennen sie es „Sozialkredit“. Dieser gibt Auskunft über das Wohlverhalten der Menschen.

Und das geht so: Wer sich an nächtlichen Patrouillen der Nachbarschaftsmiliz beteiligt, bekommt 300 Punkte. Wer sich mit Petitionen an den Staat wendet, verliert 50 Zähler. Sackt der Punktestand zu weit ab, drohen Konsequenzen. Kinder könnten Nachteile in der Schule bekommen oder womöglich wird die Bewegungsfreiheit eingeschränkt. „Das gibt dem Ganzen eine nette Wettbewerbsatmosphäre“, sagt die Mitarbeiterin sichtlich stolz.

Auf der Schwarzen Liste

Mit Petitionen und deren Folgen kennt sich Zijuan Chen bestens aus. Vor bald vier Jahren verschwand ihr Mann Weiping Chang im Gefängnis. Immer wieder hat sie sich an die Behörden gewandt, um die Freilassung des bekannten Menschenrechtsanwalts zu erreichen. Zijuan Chen ist eine von drei Protagonistinnen dieses Films. Anhand ihrer Lebenswege erzählt die chinesische Regisseurin Jialing Zhang von den Auswüchsen der allgegenwärtigen Überwachung in der kommunistischen Diktatur. Und auch davon, wie die „smarte“ Kontrolle vor allem jene drangsaliert, die das Regime als „verdächtig“ oder „feindlich“ einstuft.

Ebenfalls im Fokus steht Sophia Xueqin Huang. Mehrfach deckte die Journalistin sexuelle Übergriffe einflussreicher Männer auf. So landete sie auf der schwarzen Liste der Pekinger Führung. Weiping Chang wollte sie vor Gericht verteidigen, doch dazu kam es nicht mehr. Stattdessen begleitete Sophia Xueqin Huang seinen Fall. Bis sie auf dem Weg zum Flughafen verhaftet wurde. Ihr Beispiel macht deutlich, wie China immer mehr ins Totalitäre abdriftet.

Dafür steht auch die Geschichte von Wenzu Li und Quanzhang Wang. Letzterer zählte zu den mehr als 300 Anwält*innen und Aktivist*innen, die 2015 im Rahmen einer Verhaftungswelle hinter Gitter kamen. Die Haft haben Quanzhang Wang und seine Ehefrau mittlerweile hinter sich, doch von Freiheit sollte man wegen der alltäglichen Schikane und Überwachung, etwa durch Kameras vor der Wohnung, lieber nicht reden.

Unter solchen Umständen flüchten sich viele Menschen in Selbstzensur oder lassen sich von der staatlichen Propaganda einwickeln. In bildgewaltigen Einstellungen, unter anderem von den Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag der Kommunistischen Partei, macht der Film den Aufwand erlebbar, die Peking in die Inszenierung seiner Macht steckt. Doch der rote Faden der Erzählung folgt den Menschen, die sich diesem Blendwerk widersetzen und dafür einen hohen Preis zahlen.

Reale Bedrohung einer technikverliebten Diktatur

Genau das lässt sie das Regime immer wieder spüren. Rund 2.000 Kilometer sind Zijuan Chen und ihr kleiner Sohn gefahren, um den Vater in einer abgelegenen Haftanstalt zu besuchen. Kurz vor dem Ziel werden sie gestoppt. Eine App hatte Polizist*innen auf ihre Spur gebracht. Nur eines von vielen Beispielen für die digital unterstützte Drangsalierung im Reich der Mitte.

Jialing Zhang – mittlerweile in die USA übergesiedelt – zeigt aber auch, wie virtuelle Überwachung häufig eine reale Bedrohung nach sich zieht, bis hin zur physischen Gewalt. Manche dieser Szenen lassen den Atem stocken und sind schwer zu ertragen. Das gilt auch für die Momente, in denen die emotionale Grenzsituation der Protagonist*innen offenkundig wird. Dass sich diese Menschen trotz einer skrupellosen Staatsmacht nicht von ihrem Weg abbringen lassen, lässt wiederum auch Hoffnung aufkommen.

Die zu einer visuell wie atmosphärisch packenden Erzählung montierten Bilder wurden größtenteils heimlich und durchweg von einer anonymen Crew gedreht. Allein diese Möglichkeit, hinter die mehr oder weniger glitzernde Fassade einer technikverliebten Diktatur mit Weltmachtambitionen blicken zu können, verleiht dem Film einen unschätzbaren Wert.

Überwachung auch woanders

Jialing Zhang und die Produzent*innen wollen uns aber auch dafür sensibilisieren, dass die Überwachung der Bevölkerung längst auch in anderen Ländern angelaufen ist, wenn auch in anderem Ausmaß. Ist Chinas Gegenwart unsere Zukunft? Dieser ganz nah an den Menschen erzählte und äußerst beunruhigende Film zeigt, was uns blühen könnte, wenn hochentwickelte Technologien in die falschen Hände geraten.

 

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