Filmtipp

Film „Auf der Kippe“: Wie die Lausitz um ihre Zukunft kämpft

13. Oktober 2023
Mehr als nur ein Job: Geräteführerin Silke Butzlaff an ihrem Arbeitsort im Tagebau Welzow Süd in der Lausitz.
Mehr als nur ein Job: Geräteführerin Silke Butzlaff an ihrem Arbeitsort im Tagebau Welzow Süd in der Lausitz.
Was wird aus der Lausitz? Anhand verschiedener Lebenswege porträtiert der Dokumentarfilm „Auf der Kippe“ eine Industrieregion, die durch den Kohleausstieg erneut vor großen Umwälzungen steht – und so zum Schauplatz gegensätzlicher Interessen wird.

Wer an die Zukunft der Lausitz denkt, landet schnell in der jüngeren Vergangenheit. So geht es auch dem Oberbürgermeister der Kleinstadt Weißwasser. „In zehn Jahren will ich die Geschichte nicht immer wieder erzählen müssen, was in den letzten 30 Jahren passiert ist, die negative Geschichte, die Schrumpfung, sondern was wir richtig gemacht haben“, sagt Torsten Pötzsch vor der Kamera.

Von der Boom-Region zum Absturz

Die Zeit der „Schrumpfung“ ist das Trauma der einst so stolzen Industrie- und Bergbauregion im Südosten Brandenburgs und im Nordosten von Sachsen. 80.000 Menschen lebten zu DDR-Zeiten von der Braunkohle. Zu Tausenden strömten sie aus dem ganzen Land in die boomende Region an der Grenze zu Polen. Mit der Wiedervereinigung kam der Absturz. 90 Prozent der Kohlejobs waren weg. Ganze Industriezweige verschwanden. Vielerorts auch Kultureinrichtungen und ganze Neubauquartiere, die einst Zukunft versprachen.

Der geläufige Begriff „Strukturwandel“ ist für viele Lausitzer*innen eher negativ besetzt. Nun steht er erneut im Raum. Die Bundesregierung prüft, ob der ursprünglich bis 2038 angepeilte Kohleausstieg schon bis zum Jahr 2030 zu stemmen ist. Das würde bedeuten, dass binnen sechs Jahren die drei Lausitzer Kohlekraftwerke, die zu den größten CO2-Schleudern Europas zählen, vom Netz gehen und sich keine Schaufelradbagger mehr durch die geschundene Landschaft fressen. Und dann?

Diffuse Zukunft

Torsten Pötzsch gehört zu einer länderübergreifenden Gruppe von Kommunalpolitiker*innen, die sich für einen sozial verträglichen Strukturwandel in der Region einsetzen. Er ist einer der Protagonist*innen in Britt Beyers Film. Die Autorin und Regisseurin von mit Preisen bedachten Kino-Dokumentarfilmen („Werden Sie Deutscher“) porträtiert die Lausitz als einen Landstrich im Schwebezustand zwischen den Verletzungen von gestern, den Mühen der Gegenwart und einer diffusen Zukunft.

Bund und Länder geben rund 17 Milliarden Euro für den Aufbau neuer wirtschaftlicher Standorte, Forschung, Tourismus und Infrastruktur in der Lausitz. „Modellregion der Energiewende“: Das Marketing-Sprech verbreitet gute Stimmung, aber wie vielen Menschen wird dieses Konzept einen Job verschaffen?

Längst ist die Lausitz ein Schauplatz von gegensätzlichen Interessen. Auch davon erzählt „Auf der Kippe“. Und zwar, indem er Torsten Pötzsch und andere Personen durch ihren Alltag folgt. Auch Lars Katzmarek begleitet die Veränderungen mit viel Engagement. Der Betriebsrat des Tagebaubetreibers LEAG gibt Workshops in Energiewissenschaften für Auszubildende und veröffentlichte im Netz einen Rap-Song über die Potenziale seiner Heimat. Der Telekommunikationstechniker steht für die Gute-Laune-Seite dieser Erzählung.

Traditionen vor dem Aus

Darin ist aber auch Platz für Melancholie, mag sie auch illusionslos sein. Seit gut 40 Jahren arbeitet Silke Butzlaff in einem Tagebau bei Spremberg. Für die Mittfünfzigerin ist es die pure Erfüllung, im Bagger zu sitzen und die Abraumhalden wachsen zu sehen. Das Aus für die Kohle nimmt sie hin. Gleichzeitig kämpft das Mitglied der der Initiative zur Erhaltung der Deutschen Bergbaureviere darum, Traditionen des Lausitzer Reviers nicht sterben zu lassen. Weil es ihre Wurzeln sind.

Unbeirrt vom nahenden Kohleausstieg wächst so mancher Tagebau weiter und verschlingt noch immer ganze Dörfer. So lernen wir auch Leute kennen, deren Wurzeln sprichwörtlich weggebaggert werden. Familie Kowalick bereitet sich auf den Umzug nach Neu-Mühlrose. Für sie und andere Umsiedler*innen wurde das Dorf als Ersatz für den Heimatort aus dem Boden gestampft.

Ein Film, der gut tut

Rebekka Schwarzbach sind das, was die Kohlebagger hinterlassen, ein Grauen. Nicht nur die Mondlandschaften der Tagebaue, sondern auch die künstlichen Seen. Die Umweltaktivistin aus Cottbus sorgt sich um das Klima, die Landschaft und das Grundwasser. Dabei verschließt sie nicht die Augen vor der sozialen Realität. „Ich kann die Perspektive, die Angst und die Sorge der Kohlekumpel nachempfinden“, sagt sie. „Die Angst vor dem sozialen Abstieg und der Bedrohung, weil ich auch selber mit Hartz IV aufgewachsen bin.“

Mit sensiblem Blick bringt uns „Auf der Kippe“ Menschen nahe, die sich dem Wandel stellen, ohne die Wunden vergangener Umwälzungen und bevorstehende Unwägbarkeiten auszublenden. So manches Klischee einer verunsicherten und auch frustrierten Region wird dabei gebrochen. Auch der jazzige Score steht für den Ansatz, nicht in den sonst oft bemühten Lausitz-Blues zu verfallen. Fast möchte man sagen: Dieser grundehrliche Film tut gut.

Info: „Auf der Kippe“ (Deutschland 2023), Regie: Britt Beyer, Kamera: Frank Amann, Marcus Lenz, mit Torsten Pötzsch, Silke Butzlaff, Rebekka Schwarzbach, Lars Katzmarek u.a.

https://www.realfictionfilme.de/auf-der-kippe.html

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